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Zur Sprache - Die Chinesisch-Kolumne 
- So tickt die chinesische Sprache

„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“, formulierte es einst der Sprachphilosoph Ludwig Wittgenstein sehr treffend. Mit jeder neuen Chinesisch-Vokabel setzt sich also das mentale China-Puzzle ein Stück weiter zusammen. In unserer Chinesisch-Kolumne bringen wir spannende Besonderheiten und aktuelle Entwicklungen zur Sprache.     


Tauben-Komplott! 

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Achtung, Trigger-Warnung! Nach der Lektüre dieses Textes werden Sie beim nächsten Innenstadtbummel Tauben mit anderen Augen sehen. Die Zeiten, in denen Sie das T-Wort nur mit Gurren und Brotkrumen verbanden, dürften ein für allemal vorbei sein. Wer sich die heile Taubenwelt also bewahren möchte, sollte jetzt lieber auf taub schalten und den nächsten Beitrag herauspicken. 

Sie sind noch da? Gut. Dann ist es Zeit für eine Taubenzäsur. Denn manches Flugobjekt, das sich als harmlose Touristentaube ausgibt, hat es in Wirklichkeit faustdick hinter den Federn. Die Chinesen haben das natürlich längst erkannt und entsprechende Warnhinweise im Wörterbuch eingewebt. Die Rede ist vom Ausdruck 放鸽子 fàng gēzi. Wörtlich bedeutet er „Tauben freilassen/fliegen lassen“, doch im übertragenen Sinne eben auch „jemanden versetzen“ bzw.  „jemanden hängen lassen“. 

Woher diese Bedeutungsübertragung kommt, darum ranken sich verschiedene Geschichten. Die erste führt uns ins Pekinger Taubenzüchtermilieu. Hier soll es doch tatsächlich schon vorgekommen sein, dass Taubenschwärme nach dem Ausflug nicht beim eigentlichen Besitzer landeten, sondern bei der Konkurrenz. Und teils spielte sich das Komplott gar mit Hilfe kollaborierender Artgenossen ab. Von wegen heile Taubenwelt also! Manch zwielichtiger Züchter soll seine Vögel doch tatsächlich zu „Kidnappertauben“ - sogenannten 诱鸽 yòugē (von 诱拐 yòuguǎi “kidnappen, entführen”) - ausgebildet haben. Solche Lockvögel sorgen durch heimtückische Flugmanöver für Desorientierung beim fremden Federvieh und lotsen es so gewieft in den eigenen Taubenschlag. Der Ursprungsbesitzer schaut also in die Röhre, oder besser gesagt in den leeren Käfig.

Eine weitere Ursprungsgeschichte des Ausdrucks führt uns ins alte Shanghaier Glücksspielmilieu. Hier nannte man Lotteriescheine mit miserablen Gewinnaussichten nämlich umgangssprachlich 白鸽票 báigēpiào “Weißtauben-Lose”. Denn der Einsatz solcher Luftnummerlose flatterte meist lautlos in die Taschen der Lotteriebetreiber und ward nicht mehr gesehen. Der Spieler hatte also das Nachsehen.

Andere sagen, die Taubenmetapher stamme noch aus Zeiten der Brieftaube (信鸽 xìn-gē). Erwartete jemand sehnsüchtig eine Sendung per Vogelpost und es kam am Ende nur der Vogel, nicht aber die Post, echauffierte sich der Empfänger, man habe nur eine Taube losgeschickt (放鸽子 fàng gēzi), aber nicht den versprochenen Brief. Die Redensart “eine Taube fliegen lassen” soll deshalb zum geflügelten Wort für gebrochene Versprechen und Verabredungen geworden sein. So oder so - auch hier schien auf die Taube wenig Verlaß. Die chinesische Netzgemeinde hat den Begriff übrigens noch weitergesponnen. Sie schimpft heute Influencer und Internetpersönlichkeiten, die den Schnabel stets voll nehmen, aber am Ende nicht liefern können, als 鸽王 gēwáng “Taubenkönige”.

Leider muss ich Ihnen sagen, dass das noch nicht alles war. Haften wir weiter an den Fersen des Fluggetiers, zieht es uns sogar noch tiefer in die Welt der menschlichen Abgründe. In der Unterwelt und in Mafiakreisen (黑社会 hēishèhuì)  macht man leider auch vor menschlichen Lockvögeln nicht halt. In kriminellen Milieus ist der Begriff 放鸽子 fàng gēzi ein Codewort dafür, wenn Frauen als Köder ausschwärmen. Als Amüsierdamen und Prostituierte locken sie Männer in ihre Fänge. Und im Bordsteinschwalbennest warten dann schlimmstenfalls Raub und Überfall, ja gar Erpressung von Geld und Wirtschaftsgeheimnissen. Natürlich funktioniert das Ganze auch in der umgekehrten Geschlechtervariante. Unser Tiermetapherflug birgt also ordentlich Turbulenzen, aber ich hatte Sie ja gewarnt.

Und, last but not least, ist 放鸽子 fàng gēzi auch in der Welt der Cyberkriminalität ein geflügeltes Wort. In Anlehnung an eine legendäre Trojaner-Software (木马病毒软件 mùmǎbìngdú ruǎnjiàn) namens “graue Taube” (灰鸽子 huī gēzi), die Hackern (黑客 hēikè) weitreichenden Zugriff auf fremde Rechner ermöglichte, wird “eine Taube freilassen” auch als Synonym für das Einschmuggeln von Schadsoftware verwendet. 

Nachdem wir die Taube jetzt aber sprachlich ordentlich gerupft haben, sollte vielleicht der Fairness halber noch gesagt werden, dass 放鸽子 fàng gēzi natürlich auch in der wörtlichen Bedeutung gebraucht werden kann. Zum Beispiel beim Freilassen von Tauben als Friedenssymbol (和平鸽 hépínggē “Friedenstaube”). Schauen Sie also im Einzelfall genau hin, welche Taube Sie vor sich haben, und behalten Sie Ihren Glauben an das Gute im Menschen.


Von Verena Menzel








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